Tageszeit: 14:00 - 15:00 Uhr
Jetzt reicht es wirklich so langsam mit rumsitzen. Draußen wartet das Abenteuer und wir hocken hier drin im Standby-Mode.
Noch schnell das Loch in meinem Bauch stopfen und dann, frisch gestärkt, hinein in die 15. Stunde unseres Tages.
Ich bestelle mir Nudeln und merke erst nach der Bestellung, dass ich fast kein Bargeld mehr dabei habe. Die nächsten Minuten rechnen wir hektisch herum, da Daniel auch cash-los zu sein scheint. Naja, wird schon noch reichen.

Die Nudeln schmecken zwar ganz ok, sind aber von einer großen gelben Knoblauchwolke umgeben. Bäh.
Ich mag Knoblauch zwar, aber nur als Geschmacksunterstützer und nicht als alleiniger Zudröhner.
Dafür habe ich in der Vergangenheit schon einige Prügel bezogen. Es scheint zwar kein Problem zu sein, keinen Spinat zu mögen oder Mathematik zu hassen, aber wenn man sich als Knoblauchbrot-Verächter outet, ist man sofort der Langweiler und Spielverderber und der Standardsatz der Umwelt ist "Aber wenn alle Knoblauch essen außer einem, isses blöd". Tja, dann bin ich wohl blöd. Abgesehen davon habe ich ja grad Knoblauch gegessen - unfreiwillig.


Wir bezahlen mit unseren letzten Kröten, allerdings nicht, ohne die Kellnerin (diesmal eine andere) nach ihrem Weihnachtswunsch zu fragen.

Wir: Was wünschen Sie Sich dieses Jahr zu Weihnachten?
Kellnerin (denkt kurz nach): Hm, eigentlich nix.
Wir: Echt? Sie wünschen Sich gar gar nichts?
Kellnerin: Naja, ich habe einen tollen Mann, hübsche Kinder und einen coolen Job. Nee, ich wünsch mir nix.
Wir: Nichtmal was Materielles?
Kellnerin: Also gut, dann also ein Haus.
Wir: Na gut, wir sehen mal, was wir machen können.

Anmerkung:
Drei Wochen später hat mich die gleiche Kellnerin wieder bedient und da ich grad mit dem Notebook im Café saß, habe ich das Bild von ihr geladen und ihr wortlos das Notebook hingehalten. Sie hat erst verdutzt geschaut und dann lachend erzählt, dass es doch kein Haus zu Weihnachten gab.
Ich habe ihr dann in die Hand versprochen, dass es 2008 noch mindestens eine Eigentumswohnung für sie geben wird.
Manchmal frage ich mich wirklich, warum ich immer so viel Scheiß rede. Keine Ahnung, wie ich der Frau jetzt Wohneigentum auftreiben soll. Geschieht mir aber recht.

So, jetzt endlich raus und wieder Leute fotografieren. Es ist noch viel zu früh, um uns auf den Lorbeeren des bisherigen Tages auszuruhen.
Im Song "Steady Fremdkörper" von meinen heißgeliebten Muff Potter gibt es eine Zeile, die so geht:

" Nur die Flucht nach vorn kann sie jetzt noch retten,
denn aus Lorbeeren macht man Kränze, keine Betten..."

[Song anhören...]

Der Kern des Nürnberger Christkindlmarkt ist ganz nahe und wir kreuzen die ersten weihnachtlichen Asteroidengürtel, die den Hauptmarkt umschwirren.
Da ist zum Beispiel der Kinder-Weihnachtsmarkt am Hans-Sachs-Platz. Wie immer ist er voll mit Touristen, die entweder mit englischer Zunge sprechen oder ziemlich asiatisch aussehen - oder beides.

Daniel und ich haben die Idee, Bilder von den Touris zu machen, nachdem sie ihr Herkunftsland auf unsere Tafel geschrieben haben.
Eine Gruppe Chinesen, Koreaner oder Japaner steht gleich neben uns und macht hektisch Bilder von einer beweglichen Nikolausfigur, der auf dem Dach einer Hütte apatisch ihren mechanischen Arm schwenkt, als würde sie Rentierschlitten in einen Schlittenparkplatz einweisen.
Ich spreche die Leute auf Englisch an und erzähle von meiner Idee. Offensichtlich ist mein Englisch schlechter als gedacht, denn offensichtlich verstehen die Leute das hier:

"Also Ihr Schlitzaugen. Ihr gebt uns jetzt Eure Brieftaschen und werft Eure albernen Kameras sofort in den Müll. Eure Kinder nehmen wir mit - die verkaufen wir in die Weihnachtsengel-Sklaverei und Dir hier - ja, genau Dir - Dir sägen wir noch ein Bein ab mit unserer sehr stumpfen Kettensäge."

So ungefähr. Anders kann ich mir nicht erklären, warum die Guppe ängstlich zurückweicht, die Arme zum Schutz hebt und gequält lächelnd den Kopf schüttelt. Keine Ahnung, was ihr Reiseleiter ihnen vorher über die psychopathischen Deutschen erzählt hat.
Oje, das war ein Fehlschlag.

Vielleicht schafft es das Christkind, das gerade vorbeischwebt, mich aufzumuntern. Gülden glänzend wabert es durch den Kinder-Weihnachtsmarkt, umringt von Kindern, die dem Christkind hektisch ihre Wunschzettel entgegen strecken.
Ich frage mich, warum die Kinder ihre Wunschzettel dabei haben. Die wussten doch gar nicht, dass ihnen heute Ms. Goldhair begegnen würde.
Vermutlich sind es aber gar keine Wunschzettel, sondern die Kids wollen ein Autogramm, weil sie die Blonde für Britney Spears halten. Eine blonde Perücke tragen schließlich beide.

Gefallen hat mir der bärtige Security-Mann im Hintergrund des Christkinds, der als Personenschützer für die himmliche Botin agiert hat. Seine Handhaltung ist genauso wie bei den Bodyguards in Hollywood-Filmen. Tja Christkind, wirklich wichtige Stars wie Whitney Houston kriegen Bodyguards wie Kevin Costner und Du kriegst 'nen pensionierten Busfahrer.

Da! schon wieder einer. Das ist der 25. einsame Handschuh heute - mindestens. Es wird immer offensichtlicher, dass hier was nicht stimmt.

Ich stehe wieder an genau der Stelle, von der aus ich in der letzten Nacht die Museumsbrücke fotografiert habe. Der Unterschied ist schon bemerkenswert, auch wenn die Stadt nicht so von Menschen überflutet ist, wie erwartet. Irgendwie isses doch entspannt. Aufgefallen ist mir noch die Frau mit dem Leiterwägelchen rechts im Bild. SO hat man als Frau fürs Shopping gerüstet zu sein. Vermutlich geht sie grad IKEA-Schrankwände einkaufen.

Zum Vergleich: So sah es hier um 03:45 aus.

Beim Fotografieren des nächsten Handschuhs beobachten mich ein paar amerikanische GIs. Sie meinen, dass das wohl der Handschuh von O.J. Simpson sein müsse, der eine wichtige Rolle damals während der Mordanklage gegen ihn gespielt hat.
Einer der Jungs erzählt mir, dass es im Prozess darum ging, ob der Handschuh zur Hand von Simpson gepasst hat und seine Schuld oder Unschuld davon abhing. Es gab sogar einen Spruch zu dieser Aschenbrödelmäßigen Handschuh-Anprobe:

"If it doesn't fit, you must acquit"

Die GIs lachen laut los, als sie den Spruch aufsagen. Ich lache halt vorsorglich mal mit, obwohl ich das letzte Wort nicht kenne. Warum zum Donnerdrummel frage ich nicht einfach, was es bedeutet? Ich bin sicher, die Jungs würden sofort fragen, wenn sie nicht wüssten, was ein Dreiimweckla ist.


Wir blödeln noch etwas herum und die Soldaten kriegen die Aufgabe, was weihnachtliches auf die Tafel zu schreiben.
Ihr Wort lautet "Trigger" und sie führen aus, dass sie damit den Abzug ihrer M4-Maschinenpistole meinen, welcher Peace on Earth fördern würde. Der zweite von links macht sogar die friendesstiftende Handbewegung dazu.
Wenn mich manchmal dieses sentimentale Weihnachts-Zeugs annervt, dann haben mich diese sarkastischen, Glühwein-schlürfenden US-Army-Leute grad geheilt.

"Hey guys, you were freaking funny".


Ein Marktstand verkauft Weihnachtsgänse. Normalerweise mache ich um diese Geflügel-Stände immer einen großen Bogen. Diesmal aber ist die Verlockung zu groß, als ich die Leute hinter dem Schild sehe und vor allem, ihr lautes Geschnatter höre. Der Gans-Verkäufer schaut zwar etwas belämmert (man beachte das burschikose Wortspiel!), als ich mich weit über seine Theke lehne, damit die Perspektive stimmt, aber es lohn sich zur Gänse - äh - zur Gänze.

Der letzte bewußte Augenblick dieser Stunde gehört einer alten Frau, die einen "Tannen-Bund" kauft.
Ich frage mich, ob die zweite Hälfte Ihres Lebens-Bundes wohl noch am Leben ist. Ich glaube, eher nicht und es stimmt mich etwas traurig - trotz allem Blödsinn, den wir die ganze Zeit veranstalten. Ich traue mich trotzdem nicht, ihr schöne Weihnachten zu wünsschen.

[ Udos Bilder dieser Stunde bei Flickr (größere Auflösung)... ]

Während ich so vor mich hin schlummer, bestellt sich Udo etwas Nahrung. Diesmal - ich glaube wirklich zum ersten Mal aufs erste Mal - ohne Fleisch. Schaut eigentlich ganz lecker aus. Irgendwie bin ich selbst noch ziemlich satt - hab ja schließlich den ganzen Tag noch nichts getan.
Mir fällt gerade auf, dass ich unterm Strich den ganzen Tag noch GAR nichts gegessen habe. Immer nur Kaffee. In der Spelunke nachts nichts, im Lukas nichts, jetzt nichts. Aber ich hatte wohl auch einfach keinen Hunger. Es gibt ja Menschen, die MÜSSEN zu einer bestimmten Zeit was gegessen haben, sonst werden sie unausstehlich. Ich hoffe ich gehöre nicht dazu, anderenfalls hatte Udo einen wirklich anstrengenden Tag mit mir.

Ich genieße solange die Wärme, bis Udo mir ziemlich deutlich zu verstehen gibt, dass es für ihn jetzt Zeit wird, weiterzugehen. Aber natürlich muss vorher auch die nächste Bedienung noch herhalten, schließlich können die sich nicht wehren. Und so erfahren wir, was der sehnlichste Herzenwunsch dieser Dame ist. Sehr bescheiden: Ein Haus. Inzwischen hat Udo sie wieder getroffen und nachgefragt, leider hat es noch nicht geklappt mit dem Haus. Ich denke ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich im Namen aller Beteiligten des twentyOne24-Projektes viel Glück wünsche. Also: Viel Glück bei der weiteren Suche.

Dann ist aber entgültig Schluss, schließlich waren wir langsam lange genug hier und so machen wir uns weiter auf den Weg ins Zentrum. Kaum habe ich einen Fuß vor die Tür gesetzt, bereue ich es auch schon. Es ist zwar Tag und hell und Sonne, aber ich bin total übermüdet und in Sekundenschnelle auch genauso erfroren. Udo scheint das rege Treiben, das inzwischen in der Innenstadt herrscht, reichlich zu genießen, während ich mir überlege, dass dieser 24-Stunden Tag wohl so ziemlich die bekloppteste Idee war, die ich je umgesetzt habe und nichts sehnlicher herbeiwünsche als Mitternacht. Irgendwann denke ich kurz darüber nach hinzuwerfen und abzubrechen, heimzugehen, zu schlafen und mich aufzuwärmen. Vermutlich hätte ich damit jahrelangen Spott seitens der restlichen Menschheit auf mich gezogen. Berechtigt, natürlich. Aber mein Stolz lässt das natürlich nicht zu (zum Glück) und so gibt es keine andere Wahl als hier noch weiter mitzuspielen. Durchhalten ist angesagt. Eigentlich ist es ja doch auch ganz lustig. Wenn's nur nicht so kalt wäre. Naja, bleibt nur zu hoffen, dass der Tag schnell rumgeht. Schließlich haben wir schon ganz andere Dinge geschafft...

Ein paar GIs lassen sich auch von uns knipsen und schreiben "Trigger" auf die Tafel. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich den Witz verstehe, so es denn einer ist. Aber das war eigentlich schon die zweite Aufschrift. Die erste unterliegt unserer privaten Zensur, um jeglichen Ärger mit irgendwem zu vermeiden.
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