Mülleimer sind, ähnlich wie Handschuhe, so eine
fixe Motiv-Idee von mir. Der hier ist mir aufgefallen, weil dieses Ding
drauf lag. Wer schmeisst sowas weg und was zum Donnerdrummel soll das
überhaupt sein? Vermutlich ist es so eine Posaune, wie sie die Weihnachtsengel
immer benutzen, um den wieder mal eingepennten Hirten um den Stall in
Bethlehem ordentlich den Marsch zu blasen. Aber sowas 3 Tage vor Weihnachten
wegwerfen grenzt für einen Engel schon fast an Arbeitsverweigerung.
Ist ist noch ziemlich dunkel und dadurch wirken die Schaufenster wie Lichtblicke
- im wahrsten Sinne des Wortes. Das Fenster eines Geschäfts für
stylische Haushaltssachen ist besonders einladend - gerade, weil da eine
Frau den Deko-Frühstückstisch deckt. Ich frage mit ein paar
Gesten, ob ich Photos machen darf und sie nickt, während sie lächelnd
weiter dekoriert.
Der Plan war, im Café Lucas ein fulminantes Frühstück
zu nehmen. Den Plan müssen wir leider anpassen, da das Lucas erst
eine Stunde später aufmacht. Vielleicht könnten wir uns mit
den Getränkelieferanten reinschleichen, aber ich mag kein kaltes
Tucher-Bier zum Frühstück. Die Bierkutscher sind trotzdem nett
und wir quatschen ein paar Sätze.
Der angepasste Plan lautet: "Rush Hour Photos". Also ab in die
U-Bahn. Allerdings ist am letzten Arbeitstag vor Weihnachten schon deutlich
weniger los als normal. Zeit genug, die wundervollen orangefarbenen Mülleimer
zu bewundern - mal wieder.
Ich bitte Daniel um die Schiefertafel, da ich ein paar Leute am Bahnsteig
bitten will, draufzuschreiben, worauf sie sich heute freuen.
Die Antwort von Daniel ist eigentlich eine Frage: "Scheisse,
wo ist eigentlich die Tafel?"
Mist, die muss noch auf dem Abfalleimer am Hauptbahnhof liegen. Da wir
die Tafel als zwingend notwendiges Utensil erachten, machen wir uns auf
dem Weg zurück zum Bahnhof.
Die beiden Jungs in der U-Bahn fallen mir auf, weil sie nicht mißmutig
und müde, sondern schon schelmisch gucken können. Ich glaube,
ihr Tag wird gut werden aber ich werde wohl nie mehr drüber rausfinden.
Das Mädchen guckt zwar blöd, als ich frage, ob ich ihre Schuhe
schießen darf, lässt mich dann aber.
Seit dem für mich wunderbaren Film Elizabethtown [ Trailer
anschauen... ] weiß ich, dass ein Schuh mehr ist als eine Laufhilfe.
Der Chef des Hauptdarstellers sagt in dem Film:
"A shoe is not only a shoe - it connects us to the earth".
Der Satz ist aus irgendwelchen Gründen bei mir hängen geblieben.
Die nächsten Minuten bringen wir damit zu, Leute im U-Bahnhof zu
portraitieren. Echt spannend, wie unterschiedlich die Menschen sind.
Eine Frau steht an der Treppe und hält ein Geschenk in der Hand.
Ich: Guten Morgen. Haben Sie das Geschenk gekriegt oder wird es verschenkt?
Sie: Ich hab' es grad gekriegt.
Ich: Schon mal geschüttelt?
Sie: Ja.
Ich: Und?
Sie: Ferrero Rocher.
Meix sagt mir beim Gehen, dass er ihr das auch gleich hätte sagen
können, weil die Rocher-Packungen eine typische Form hätten.
Freut man sich weniger über ein Geschenk, wenn man schon vorher weiß,
was drin ist?
Als wir endlich am Hauptbahnhof ankommen, ist die Tafel ist natürlich
weg. Eine neue aufzutreiben, wird uns etliche Stunden kosten - aber wir
haben ja Zeit.
Hoffentlich schreibt der neue Besitzer viele nette Sachen drauf.
"You shalt not loose your chalk board - ever"
Wir treffen einen Konditor, der individuelle Weihnachtsgrüße
aus Zuckerguß auf Elisenlebkuchen spritzt. Die meisten lauten so
ähnlich wie "Frohe Weihnachten wünscht Hans".
Ich frage, ob er schon manchmal das Verlangen hatte, komische Sachen auf
Lebkuchen zu schreiben. Der schüttelt mit dem Kopf.
Daniel und ich packen die Gelegenheit beim Schopf und geben zwei Lebkuchen
in Auftrag - auf einem soll "Wurmfortsatz" stehen und
auf dem anderen "Nasenhaarentferner".
Nachdem die Fragezeichen um seinen Kopf verflogen sind, macht er das auch,
freut sich über seine subversive Tat wie ein Schnitzel und wir beschließen,
die Lebkuchen während des Tages zu verschenken - an Menschen, die
derlei Geschenke zu würdigen wissen.
[ Udos Bilder dieser Stunde bei Flickr (größere Auflösung)... ]
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Jedes Kind weiß: Der schönste Sport ist Biertransport. Die Bierfahrer wirken reichlich desinteressiert, als wir sie knipsen.
Wir beschließen uns in den langsam einsetzenden Berufsverkehr zu stürzen stellen plötzlich fest: Die Tafel ist weg. Wir rekonstruieren, dass sie am Bahnhof auf der besagten Mülltonne liegen müsste und düsen nochmal dorthin zurück, nicht ohne noch ein paar Gestalten festzuhalten, die gerade aus der "RoFa" kommen.
Die Tafel finden wir natürlich nicht mehr. Dafür treffen wir einen Lebkuchenbemaler (was der wohl den Rest des Jahres macht, wenn nicht gerade Weihnachtszeit ist?) und unterhalten uns kurz mit ihm, was Udo auf die Idee bringt, Lebkuchen beschriften zu lassen. Nur keine Standardphrasen ist die Devise. Unsere Entscheidung fällt auf "Wurmfortsatz" und "Nasenhaarentferner". Mit weihnachtlichen Sternchen daneben. Pure Romantik. Ich glaube der Lebkuchenbemaler findet das genauso lustig wie wir. Wir beschließen die Lebkuchen noch heute irgendwelchen Menschen zu schenken. Aber: Hey, es ist 8 Uhr! Jetzt muss doch schon ein Laden offen haben?
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